„Dieser Stuhl ist wie ein gutes T-Shirt“

2023-03-23 16:29:44 By : Ms. Carol Wang

Der zu Recht in Verruf geratene weiße Plastikstuhl völlig neu gedacht? Ja, das geht. Wie genau, verriet uns der Designer Konstantin Grcic im Interview zum Launch seines Bell Chair.

Konstantin Grcic ist der bekannteste deutsche Möbeldesigner der Gegenwart, sein Chair One gilt als Klassiker. Jetzt hat er, ebenfalls für das italienische Designunternehmen Magis, einen Plastikstuhl für 77 Euro entworfen. Warum das denn? Wir erreichen Grcic in seinem Studio in der Kurfürstenstraße. Vor zwei Jahren ist der geborene Münchner nach Berlin gezogen, was die Münchner Design-Society durchaus als Affront nahm. Aber Grcic fühlt sich nicht nur pudelwohl in Berlin, er lässt sich auch vom unversnobten Realismus der Stadt inspirieren. Sein jüngstes Werk beweist es.

Margit J. Mayer: Ich habe bei Ebay nachgesehen, was weiße Plastikstühle so kosten. Ist ja ein einziger Horror, wie spottbillig sie sind.

Konstantin Grcic: Was kosten sie denn?

Sechs Plastikstühle sind für 20 Euro und weniger zu haben. Und wie viele Varianten es von diesem Monobloc-Modell gibt!

Unglaublich, ja, und das weltweit, mit durchaus spannenden Varianten, die sich in der Form der jeweiligen Kultur anpassen. Die Designgeschichte datiert den ersten Monobloc Chair aus Kunststoff übrigens in die 1950er-Jahre, als das Spritzgussverfahren industrialisiert wurde. In den 1970ern hat ihn dann der französische Ingenieur Henry Massonnet perfektioniert. Davor gab es den Bofinger-Stuhl, der war in der Form ähnlich, aber aus Fiberglas. Der erste in Spritzguss war von Massonnet.

Der Monobloc ist ja sehr geschickt gemacht – die Rückenlehne wie ein Springbrunnen, sodass sie mit wenig Materialaufwand verstärkt wird. Und sogar eine Anmutung von Prunk hat. Was ziemlich pervers ist.

Das war bei den ersten Thonet-Stühlen im frühen 19. Jahrhundert genauso: Man setzte zwar schon die Bugholz-Technologie ein, imitierte aber noch den feudalen Stuhl. Thonets Nummer 14 ist erst mit der Zeit entstanden, als die neue Technologie ihre eigene Sprache gefunden hatte. Ähnlich ging es mit dem Monobloc.

Jedenfalls sieht man dem Ruinieren der Erde ins Gesicht, wenn man sich die Massen von Monoblocs überall anschaut. Kurios, wie sich der Blick darauf geschärft hat.

Einerseits steht der Stuhl für alles Schlechte, er verunstaltet unsere Städte, ist ein Ausdruck der Wegwerfkultur. Gleichzeitig ist es der demokratischste Stuhl der Welt.

Man hat den Eindruck: In jedem Slum steht dieser Stuhl, vor jeder Bar in Griechenland oder Spanien, vor jedem Späti in Berlin. Er ist überall.

Jeder kann ihn sich leisten. Das ist auch etwas Gutes. Diese Monobloc-Stühle haben etwas Rationales, die Geometrie und Statik des Stuhls ist total auf das Nötige reduziert. Die Beine haben diesen C-förmigen Querschnitt, damit sie mit möglichst wenig Materialaufwand steif werden. Das ist die Optimierung der Ressource: aus wenig viel machen. (lacht) Es gibt inzwischen so viele verrückte Bilder von diesem Stuhl, etwa wie die Fußball-Hooligans sich damit kloppen.

Wer hatte die Idee, den Stuhl neu zu denken?

Das italienische Unternehmen Magis kam mit dieser Idee: Wir machen einen Stapelstuhl aus Kunststoff, und dieser Stuhl soll um die 60 Euro kosten. Zweck, Material, Massenherstellung, Preis – wenn du das zusammenbringst, kommst du auf die Formel des Monobloc. Das geht nur so. Ich habe erst mal geschluckt, ich dachte: Ist das wirklich das richtige Produkt im Jahr 2020? Aber je mehr ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich die Chance gesehen. Aus Design-Sicht ist da diese Klarheit und Funktionalität, aber auch die Vorstellung, ein sehr demokratisches Produkt zu schaffen, bei dem ich mich als Designer in gewisser Weise herausziehe. So ein Stuhl ist kein Design-Statement, er muss den Mainstream treffen. So etwas habe ich noch nie gemacht.

Könnte das nicht auch ein Computerprogramm designen?

Vielleicht. Wir haben eng mit den Ingenieuren gearbeitet, der Computer hat uns vorgerechnet, was wir dürfen und was nicht. Trotzdem braucht es die menschliche Intelligenz, um das Projekt zu justieren. Das ist auch bei Philippe Starcks Stuhl so, der „A.I.“, also „Artificial Intelligence“, heißt. Natürlich ist es nicht einfach nur ein Algorithmus, der diesen Stuhl schafft, man sieht Philippes Handschrift sehr stark. Mithilfe eines Algorithmus kann man viel verstehen, trotzdem hat es meine Intervention gebraucht. Der Ingenieur, mit dem wir in Italien zusammengearbeitet haben, hat davor Hunderte verschiedene Monobloc-Typen entwickelt. Diesen Erfahrungsschatz ruft man ab, wenn man diskutiert und Probleme gemeinsam betrachtet. Es ist also eine sehr spannende Arbeit, an so einem Modell zu tüfteln.

Ging es mit dem Material los, oder mit der Form?

Das lief parallel. Im Laufe des Projekts sind wir dann von Polypropylen auf recyceltes Polypropylen umgestiegen. So konnten wir die Story des Stuhls drehen, indem wir nun sagen können: Diesen Stuhl haben wir aus Industrieabfall gefertigt.

Also gutes Plastik. Das woher genau stammt?

Das fällt in jeder Produktion an. Die Firma, mit der wir den Stuhl entwickelt haben, produziert Stühle, aber auch Teile für die Automobilindustrie, für Verkleidungen von Türen oder das Armaturenbrett. Das sind alles Kunststoffteile, und bei jedem Spritzvorgang gibt es Abfall. Der wird eingesammelt und geschreddert, daraus entsteht ein Granulat, mit dem wir dann arbeiten. Dieser Rohstoff ist molekular hochwertiger als der Post-consumer-Abfall, der schon ein Leben hatte, beispielsweise als Wasserflasche. Es ist eigentlich erstaunlich, dass noch niemand darauf gekommen ist, dieses Material zu verwenden.

Hat das Material die Farben vorgegeben?

Nicht ganz. Die Basisfarbe des Granulats ist ein gräuliches Weiß mit minimalen Verunreinigungen, kleinen schwarzen Pünktchen. Die mussten wir kaschieren. Deshalb haben wir den Stuhl einerseits in einer dunklen Version gemacht; und andererseits weitere Partikel eingestreut, sodass aus einem Pünktchen viele Pünktchen wurden. Dann haben wir noch Pigmente hinzugegeben.

Auf den Fotos sieht der dunkelste der drei Stühle nachtblau aus.

Ich habe hier einen im Büro. Aus der Entfernung ist er sehr dunkel, fast schwarz, aber wenn ich jetzt näher komme, wird er blau wie eine Aubergine. Außerdem gibt es noch einen Terrakotta-Ton und einen hellen. Denn eigentlich wollte ich keinen reinweißen Stuhl machen. Der schlechte Monobloc-Stuhl ist der weiße, diese negative Konnotation wollte ich vermeiden. Unser heller Stuhl hat deshalb ein warmes Offwhite, und von Nahem sieht man diese Sprenkel, was die Oberfläche eleganter macht.

Die Form war davon bestimmt, dass er zu stapeln sein musste, richtig?

Genau. Wir wollten das Verpackungsvolumen so gering wie möglich halten, daran hängt ein ganzes logistisches Konzept. Schon in der Produktion hilft es, wenn man die Stühle, die im 60-Sekunden-Takt von der Maschine fallen, sofort stapeln kann. Dann gehen sie auf eine Palette, die wir passend zum Stapelverhalten des Stuhls entworfen haben; werden mit dem Gabelstapler ins Hochregallager gebracht und von dort in den Handel. Wenn du das alles mitdenkst, hast du sehr viele Einschränkungen, klar, aber das hilft einem auch im Entwicklungsprozess. Man hat klare Leitplanken. Und dass wir den Stuhl so effizient verschiffen, schlägt sich auch im Preis nieder. Wir sind zwar jetzt über der Vorgabe, aber ich finde, 77 Euro sind ein sehr guter Preis.

Und wie sitzt man darauf?

Sehr gut! Teil der Statik des Stuhls ist die halbeiförmige Sitzschale. Eine Eierschale ist unheimlich stabil, wegen der Oberflächenspannung und der Rundung. Und eine eiförmige Sitzschale ist sehr bequem, sie offeriert außerdem eine Armlehne, die keine ist, sondern eine Schräge. Wenn du im Café eine Zeitung liest, kannst du genau da die Oberarme abstützen. Und wenn du den Stuhl an die Tischplatte heranschiebst, ist keine vorstehende Lehne im Weg. Es wird auch keine Variante geben. Oftmals ist es ja so: Wir entwerfen einen Stuhl, und es kommt sofort die Anfrage: „Gibt es den auch mit Armlehne?“ Dieser Stuhl ist so, wie er ist, und basta.

Wie wäre es mit einem Schaukelstuhl? Man könnte Kufen darunter schrauben ...

… genau. Wir hatten auch die Idee, eine Husse zu machen oder ein Kissen. Aber die einfachste Husse und das einfachste Kissen waren dann plötzlich teurer als der Stuhl selbst. Das hätte unserem Statement widersprochen.

Warum heißt er Bell Chair? Also Glockensessel.

Ja, Glocke. Ich sprach eben von einer Eiform, es könnte aber auch eine halbe Glocke sein. „Egg“ ist vergeben, „Bell“ klingt auch schöner ... Es ist irre schwer, heutzutage noch freie Namen zu finden. Die Anwälte sagen dann: Das ist besetzt, da würden wir uns in einen Rechtsstreit begeben mit sowieso. Und Namen müssen heute natürlich international funktionieren. Da hast du die Japaner, die L und R vermengen, oder die Franzosen, die kein H aussprechen können. Daher war ich froh, dass wir auf diesen einfachen Namen gekommen sind, der schön und positiv klingt und dazu noch kurz ist. Bell Chair passte zur Form, aber das musste eigentlich gar nicht sein. Es ist einfach der Name.

Letzte Frage: Wenn dein Bell Chair ein Kleidungsstück wäre – was wäre er? Mich erinnert er etwas an das „Better Basics“-Konzept von skandinavischen Modemarken wie Cos oder Arket.

Guter Vergleich. Unser Stuhl kostet immerhin 70 Euro und nicht 20. Das haben wir bewusst gemacht: Unser Stuhl sollte in eine Nische fallen, nämlich zwischen den ganz billigen Stühlen und den üblichen Designerstühlen, die jenseits von 100, 200 Euro liegen. Er ist günstig, aber man weiß, er hat eine gute Qualität. Teil dieser ganzen Nachhaltigkeitsdebatte ist ja auch, dass ein Stuhl lange leben sollte, wie ein gutes T-Shirt. Man trägt es täglich, mal lässig, mal formeller, man trägt es über lange Zeit. Es ist eine Frage des Vertrauens in die Qualität, und eine Frage der Sympathie.