Stabellen: 8 modernisierte Entwürfe des alpinen Brettstuhls

2023-03-23 16:30:05 By : Ms. Sandy Ms

Der Begriff Stabelle ist nicht unbedingt geläufig. Den Stuhl selbst aber werden viele kennen. Auf Instagram findet man nicht einmal 250 Einträge unter dem Hashtag #stabelle. Das könnte sich bald ändern. Zeitgenössische Designer haben das traditionelle Designstück auf unterschiedliche Weise neu interpretiert und so in die Moderne geholt.

Dass so wenig nach dem Stuhl gesucht wird, liegt aber auch daran, dass für dieses im deutschsprachigen Alpenraum verortete Sitzmöbel kein englischer Begriff existiert. Immerhin findet sich eine Umschreibung beim Online-Wörterbuch dict.cc: «ein Holzstuhl mit vier schrägen Beinen und einer plattenartigen Rückenlehne, die mit der massiven Sitzfläche verzahnt ist». Traditionell ist die Rückenlehne des Stuhls mit Schnitzereien verziert, hat ein Griffloch in Herzform, und seine Form ist oval, häufig schnörkelhaft.

Aus massiven Brettern zusammengebaut, ist die Stabelle (früher auch Brettstuhl genannt) quasi eine Weiterentwicklung eines einfachen Hockers. Die teilweise komplexen technischen Merkmale einer klassischen Stabelle lassen sich auf folgende Punkte herunterbrechen:

Acht Beispiele, wie eine Stabelle heute daherkommt.

2022 in Mailand an der Möbelmesse erstmals präsentiert und seit diesem Monat erhältlich: Der Entwurf Conte von Marc Gerber erinnert mit seiner majestätischen, hohen Rückenlehne an den Mantelkragen eines italienischen Conte.

Die Lehne weist eine charakteristische Konstruktion einer Stabelle auf, da sie in die Sitzfläche gesteckt ist. Die Hinterbeine der gepolsterten Sesselversion wurden für mehr Halt allerdings nicht wie traditionell an der Sitzfläche, sondern an der Rückenlehne befestigt.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich das mittlerweile 95-jährige Schreinerunternehmen aus dem bernischen Gümligen mit der Stabellentechnik auseinandersetzt. Der japanische Designer Tomoko Azumi legte 2017 mit dem Entwurf Stabellö eine wunderbar ikonische Neuinterpretation der Stabelle vor. Die Rückenlehne scheint zwei Ohren zu haben und zwei Augen als Grifflöcher.

Der in Mailand und Crans-Montana ansässige Walliser Philippe Bestenheider hat für die italienische Marke Billiani, ein über hundertjähriger Spezialist für Holzstühle, den Möbelklassiker der Alpenregion neu interpretiert: Seine Version der urchigen Stabelle ist aus dünnem Sperrholz und wirkt mit der perforierten Rückenlehne, die an die Blütenstände des Edelweiss erinnert, sogar noch leichter.

Gemäss Bestenheider ist der Edelweiss-Stuhl eine skandinavisch anmutende Interpretation einer Stabelle. Alle Stärken wurden auf ein Minimum reduziert. Er habe sowohl das Steckprinzip für die Verbindung der Sitzfläche mit der Rücklehne übernommen als auch die Verstärkung der Sitzfläche, die der Fixierung der Beine dient.

Was haben der Schwarzwald, Stuttgart und Glarus gemein? Eine Antwort liefert die neue Stuhlfamilie honett. Als «Wirtschaftsstuhl fürs 21. Jahrhundert» wurde sie für das Stuttgarter Rothaus im Gerber, das Restaurant der bekannten Tannenzäpfle-Brauerei, entworfen. Der Auftrag: Ehrlich, authentisch und klassisch sollte der Entwurf von Blocher Partners sein und für ein breites Publikum eine bequeme Sitzgelegenheit bieten.

Klassisch «stabellisch» ist die untere Hälfte; die Sitzfläche hat zusätzlich eine bequeme Sitzmulde. Die Rückenlehne weicht hingegen vom eingesteckten Brett ab und erinnert mit seiner optischen Verlängerung der Hinterbeine an einen Bistrot- oder Beizenstuhl. Trotz massiver Konstruktion überzeugt das Resultat durch Komfort und filigrane Erscheinung. Gefertigt wird er in der ältesten Stuhlmanufaktur der Schweiz, Horgenglarus.

Sie sind studierte Architekten, machen aber Möbel: Seit 2005 entwirft und produziert das Duo Christoph Schindler und Margarita Salmerón Espinosa eigenes Mobiliar. Viele der Designs sind Aufträge für den Objektbereich, etwa für Alters- und Pflegezentren oder kirchliche Einrichtungen, aber auch für Institutionen wie die Universität Zürich, die ETH Zürich, das Bündner Kunstmuseum oder für Google. Ihre Entwürfe sind verspielt bis reduziert, stets funktional, formschön und mit clever ausgetüftelten Konstruktionen. Beweis dafür ist etwa ihre Version einer Stabelle aus dem Jahre 2014.

Der Ansatz der Designer: eine stapelbare Version des sonst eher rustikalen Sitzklassikers. Raffiniert ist das Griffloch im Sitz statt in der Rückenlehne: In diese wird beim Stapeln das nach unten verlängerte Rückenblatt gesteckt, es gibt Halt für den Stuhlstapel.

Den flachen, harten Sitzflächen einer traditionellen Stabelle etwas mehr Komfort zu verleihen, zählt zu den Hauptherausforderungen. Mit dem Cresta Chair für das Schweizer Label Dadadum ist dem Zürcher Designer Jörg Boner ein besonders aparter Entwurf gelungen.

Weiterhin robust sind zwar das Wesen und die Konstruktion, der Look ist aber alles andere als rustikal oder traditionell. Dank einer Kammtechnologie sind Sitz- und Rückenfläche nahtlos in einer stromlinienförmigen Struktur miteinander verbunden und bilden so den ersten Schalenstuhl aus Massivholz. Ein passender Cresta-Tisch ergänzt den Stuhlentwurf aus dem Jahre 2021.

Eine filigrane und verspielte Variante einer Stabelle liefert der in London ansässige Designer Rio Kobayashi. Die bunt markierten Stäbchen des Geschicklichkeitsspiels Mikado sind offensichtlich die Inspiration der gleichnamigen Möbelkollektion aus mit Acrylfarben verziertem Eschenholz.

Nebst einem Hocker, Trethocker, Regal, Tisch und einer Bank gibt es auch Essstäbchen und zwei Stühle, einen Esszimmerstuhl und den Easy Chair, quasi eine Loungesessel-Adaption einer Stabelle.

Gefördert von der Berner Design Stiftung, entwarf der Produktdesigner und Konstrukteur Marc Gerber 2021 den öhi-Stuhl in Zusammenarbeit mit der Schreinerei Wyttenbach Bern. Der Prototyp wurde erstmals 2021 präsentiert und später für den Designpreis Schweiz nominiert. Sitz und Lehne basieren auf zwei zueinander leicht angewinkelten Vollholzbrettern mit abgerundeten Kanten – um des Komforts willen.

Während traditionell die Rückenlehne in die Sitzfläche gesteckt wird, ist hier die Sitzfläche in der Rückenlehne verankert. Dort sind auch die Hinterfüsse befestigt, während die vorderen Stuhlbeine traditionell mittels Gratleiste an der Sitzfläche stecken. Die öhi-Serie soll bald in Serie gehen.

Hauswirths Neuinterpretation des klassischen Alpenstuhls VNA wurde 2013 erstmals an der St. Moritzer Ausstellung «Neu/Vertraut» präsentiert und wurde als Flatpack-Möbel für den Online-Versand erdacht. Das Material: Schweizer Zirbe und Esche. Bis anhin existierte das Design des Wahl-Bieler Designers nur als Konzeptentwurf, wird aber im Verlauf dieses Jahres nun über Zeitraum-Möbel vertrieben.

Wie bei der traditionellen Stabelle soll auch dieser Stuhl ohne Schrauben und Werkzeug zusammengebaut werden. Die Beine sind mit einem Holzgewinde versehen und können von Hand verschraubt werden, während die Rückenlehne einfach eingesteckt und mit einem Keil gesichert wird. Die einzelnen Elemente des Stuhls sind so konzipiert, dass sie miteinander harmonieren, obwohl die Trennungen sichtbar bleiben.

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