Bremen – Postfach 112. Das war die Postanschrift der Bremer Stuhlrohrfabrik Menck, Schultze & Co. im Bremer Stadtteil Findorff. Admiralstraße 96, das war die eigentliche Adresse. Ein stolzes Bauwerk, ein heute denkmalgeschützter Fabrik- und Kontorbau der späten Industrialisierungsphase. Denn das markante, ortsbildprägende Gebäude an der Ecke zur Herbststraße steht noch da. Die Stuhlrohrfabrik aber gibt es längst nicht mehr. Und so ist sie heute Thema in unserer Serie „Verschwunden“.
Die Geschichte der Stuhlrohrfabrik beginnt anno 1876, fünf Jahre nach Bismarcks Reichsgründung. Und die Anfänge der Fabrik liegen nicht in Findorff, sondern am Philosophenweg in der Nähe des Hauptbahnhofs. Hier ging‘s los – mit Handelskontor und Hinterhof-Manufaktur. Die Geschäfte entwickelten sich gut, um 1890 herum folgte die Expansion auf das Areal an der Admiralstraße.
Die Bremer Stuhlrohrfabrik Menck, Schultze & Co. vergrößerte sich hier in mehreren Etappen. Den Schlusspunkt setzte 1903 das erhaltene, zur Herbststraße hin liegende Eckgebäude, an dessen Fassade noch heute das Jahr der Firmengründung zu lesen ist: 1876. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war hier nun eine Industrieanlage gewachsen, deren gesamte Größe heute nur noch zu erahnen ist. Das Areal füllte den Bereich zwischen Admiral- und Findorffstraße, zwischen Herbststraße und Plantage.
Zeitweilig waren hier 1.000 Menschen beschäftigt, sie verarbeiteten Stuhlrohr, sprich: sie machten den Rohstoff formbar für seine weitere Verwendung als Rohrgeflecht für Möbel und Wohnaccessoires. Das Flechtmaterial Stuhlrohr – auch bekannt unter dem malaiisch-englischen Begriff „Rattan“, als „spanisches Rohr“ und als „Peddigrohr“ – wurde aus Südostasien nach Findorff importiert. Hier wurde es dann beispielsweise gespalten und gefärbt, bevor es an die Kunden der Findorffer Fabrik ging, etwa an Unternehmen der Rohrmöbel- und Korbwarenindustrie.
Zur Hochzeit des „Gelsenkirchener Barock“ aber war Schluss mit dem kunstvollen Geflecht. 1956 ist die Arbeit mit Stuhlrohr in Findorff eingestellt worden. Im Zweiten Weltkrieg waren zuvor schon große Teile der Fabrik durch Bomben zerstört worden, so unter anderem die Gebäude aus den Jahren um 1890. Das Hauptgebäude von 1903 aber war weitgehend erhalten geblieben, zudem bauten Werksmitarbeiter Lager und Fabrikräume neu auf.
Da aber die Stuhlrohr-Nachfrage so sehr gesunken war, begann nun eine neue Zeit auf dem Areal der einstigen Stuhlrohrfabrik – die Zeit der gewerblichen Vermietung. Das Familienunternehmen „Bremer Polster“ etwa bezog hier eine 3.500 Quadratmeter große Fläche und blieb von 1973 bis 2009. Anschließend kam das Möbelhaus Meyerhoff aus Osterholz-Scharmbeck bis 2018 in den Komplex, der inzwischen unter dem Namen Kröncke-Höfe bekannt ist. Kröncke? Christian Kröncke Senior hatte als Lehrling in der Stuhlrohrfabrik Menck, Schultze & Co. angefangen. Er arbeitete sich hoch. 1893 wurde er Teilhaber, später übernahm er den kompletten Betrieb. Das Areal blieb fortan – und über Generationen – in Obhut der Familie Kröncke.
Das Bremer Immobilienberatungshaus Robert C. Spies meldete dieser Tage eine „Vollvermietung der Kröncke-Höfe“. Eine zuletzt noch freie und 700 Quadratmeter große Ladenfläche hat die Sparkasse Bremen gemietet, die dort eine ihrer „Stadtteilfilialen“ einrichten will. Außerdem sind unter anderem der US-amerikanische Fahrradhersteller „Trek Bike“, der Armaturenhersteller Gestra, das Veranstaltungsunternehmen „Joke“, das Rundfunkmuseum sowie das Büro Westphal Architekten in den Kröncke-Höfen zu finden.
Der markante Eckbau übrigens steht seit 2010 unter Denkmalschutz – als „typisches Beispiel aus der Zeit fortgeschrittener Industrialisierung“, wie es in der Denkmaldatenbank des Landeskonservators heißt. Und weiter: „Der Fassadenaufbau der Stuhlrohrfabrik ist einfach und überzeugend stimmig proportioniert. Geschossübergreifende Bögen gliedern die Fassade an der Admiralstraße und schließen leicht zurückversetzt auf jedem Geschoss zwei durch einen Segmentbogen abgeschlossene Fenster ein.“ Die Fassade besteht „aus dem im Industriebau wegen seiner Dauerhaftigkeit gern verwendeten Klinker“.