Als "Sanluca" 1960 auf der XII. Triennale in Mailand vorgestellt wurde, sorgte das Design für einigen Aufruhr. Von vorn betrachtet wirkte das Modell wie ein klassischer Sessel, in der Profilansicht erinnerte er an eine futuristische Skulptur. Vielen Vertreter:innen der Moderne war dieses Objekt, das sich ganz im Sinne der Neo-Liberty-Bewegung auf die Handwerkskunst und die Gemütlichkeit altväterlicher Sitzmöbel besann, zu konservativ. Der bürgerlichen Fraktion aber war die rasant geschwungene Rückenlehne, die aus zwei ungewöhnlich schlank gepolsterten Bögen besteht, viel zu gewagt.
Tatsächlich ist "Sanluca" eine Verneigung vor Großvaters Lieblingssessel, dabei dynamisch wie die Skulpturen Umberto Boccionis und darüber hinaus auch noch ein frühes Beispiel für ergonomisches Design. Die schwungvollen Kurven der Polster unterstützen die/den Sitzende:n nämlich an den entscheidenden Stellen des Körpers: im Nacken, im unteren Rücken, an den Sitzknochen. "Sanluca" ist überaus bequem. Wie so oft bei den Entwürfen der Gebrüder Castiglioni verbirgt sich hinter der Liebe zur Form vor allem pure Funktion. Dass die ganze Konstruktion auch noch, in fünf Teile zerlegt, platzsparend transportiert werden konnte, war Ergebnis ihrer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Design-Tüftler und Möbelhersteller Dino Gavina, dessen Firma den Sessel bis 1968 produzierte. Gavina war zwar ein visionärer Möbelentwickler, aber kein so guter Buchhalter, weshalb seine Firma 1968 Bankrott ging und von Knoll International übernommen wurde, die den "Sanluca" noch bis Ende der 80er-Jahre fertigten. Zwischenzeitlich wurde der Sessel von Bernini hergestellt, heute ist es Poltrona Frau, die das ikonische Stück in Italien produzieren. www.poltronafrau.com
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